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Jörn Pfennig

Dichter+Denker+Musiker. Unermüdlicher Erfinder kulturphilosophischer Sackgassen. Musikalisch abonniert auf den Sitz zwischen den Stühlen. Pathologischer Korinthenbetrachter. Lieblingsfeind – logisch – Franz Beckenbauer.

 


Wie eine Mitgliederversammlung eine wurde, die keine war


Leidiges Thema GEMA (3)

Seit letztem Jahr liebe ich den Geschäftsbericht der GEMA.

Ich hatte damals eher zufällig ein paar so schöne Zahlen entdeckt, dass ich sie unbedingt

in einem Artikel für dieses Magazin abfeiern musste. Eine der schönen Zahlen lautete

1,41 Mio. EUR und bezifferte die „Gehaltsbezüge des Gesamtvorstands“. Gesamt heißt in dem Fall drei. Spaßeshalber habe ich pro Kopf gedrittelt. Machte ca. 380.000 EUR.

Nicht schlecht für ein Jahr gelegentlicher Sesselfurzerei.

Natürlich war mir klar, dass nicht jede der drei Nasen die gleiche Prise bekommt, deshalb wollte ich nach dem diesjährigen Geschäftsbericht, in dem die schöne Zahl noch schöner geworden war, mal Genaueres wissen. Ich schrieb also einen Brief an die GEMA-Hauptstelle in Berlin mit der Bitte, mir doch mitzuteilen, wie sich die stolzen Bezüge auf die einzelnen Herren Vorstände verteilen. Ich bekam auch tatsächlich eine Antwort „im Auftrag des Vorstandes“ und des Inhalts, diese Frage könne nur im Rahmen einer Mitgliederversammlung beantwortet werden, „sofern sie dort gestellt wird“. Aha!

 

Zwangsläufiger Ortswechsel: HILTON MÜNCHEN PARK Ballsaal BC. „Versammlung der außerordentlichen und angeschlossenen Mitglieder“. 27. Juni 2005, ca. 19 Uhr. Ich bekomme ein in Plastik verpacktes Kärtchen zum Anklemmen, auf dem steht „Mitgliederversammlung 2005“ und mein Name in hochamtlicher Reihenfolge: Pfennig Komma Jörn. Ich betrete ein Szenarium, das ich nur vom Fernsehen kenne. Parteitage zum Beispiel. Oben ein Podium mit ca. 10 hochwichtigen Hanseln. Vorstand, Aufsichtsrat und so. Viele Professoren. Über all der Wichtigkeit prangt ein Transparent „Mitgliederversammlung“. Unten das Fußvolk.

Aufsichtsratsvorsitzer Professor Bruhn, bekannt und beliebt durch seine Werbespotmelodie für Milka (die zarteste Versuchung ...) eröffnet. Vorstandsvorsitzer Professor Kreile ergreift das ergreifende Wort. „Wir sind quasi ein Wirtschaftsunternehmen mit Monopolcharakter, was uns zu besonderer Redlichkeit verpflichtet“ sagt er, und man sei sehr zufrieden. Undsoweiter.

Irgendwann folgt dann der Tagesordnungspunkt „Verschiedenes“. Das Fußvolk darf Laut geben. Ich habe mich vorsorglich neben eines der über den Ballsaal verteilten wenigen Mikrophone gesetzt und erhebe alsbald meine Stimme, denn laut Maßgabe aus Berlin kann meine Frage auf dieser Mitgliederversammlung ja nur beantwortet werden, „sofern sie dort gestellt wird“.

 

Ich stelle sie also höflich, erwähne auch, dass ich mich durch ein Schreiben eines GEMA-Mitarbeiters hierher habe leiten lassen, rechne kurz mein Prokopfeindrittelergebnis vor – jene 380.000 EUR per anno, weise dezent darauf hin, dass unser Bundespräsident 200.000 EUR im Jahr verdient und der englische Premierminister Toni Blair 270.000 EUR und dass man das alles ohne Problem in Erfahrung bringen könne, also müsse ich als Beitrag zahlendes Mitglied doch auch wissen dürfen, wie viel mein Vorstand im Einzelnen ...

Auf dem Podium entsteht erhebliche Unruhe. Man steckt die Köpfe zusammen, wispert, zischelt und konspiriert. Schließlich beehrt mich der vorsitzende 1. Professor mit einer satzungsrechtlichen Feinheit: die Frage nach der Höhe der Einzelbezüge der Vorstandsmitglieder könne laut Statuten nur auf der „Hauptversammlung der ordentlichen Mitglieder“ anderntags gestellt und beantwortet werden. Auf meinen Hinweis, dass ich als so genanntes außerordentliches Mitglied dort keinen Zugang hätte und man mich seitens der GEMA/Berlin doch hier in diese Mitgliederversammlung geschickt habe und dass, wenn er seinen professoralen Kopf wende, selbst er auf dem Transparent erkenne könne, wo wir uns hier befänden, ergreift einer der Podiumshocker das noch ergreifendere Wort: man möge dem offenbar fehlgeleiteten Menschen dort unten doch vielleicht ja wenigstens die Fahrtkosten erstatten.

Um es kurz zu machen: ich war zwar subjektiv auf einer Mitgliederversammlung, im Sinne der GEMA aber objektiv keineswegs. Auf meine dann schon etwas strengere Nachfrage bei der Fehlleitstelle in Berlin erfuhr ich dieses: „Wie Sie ... schreiben, befanden Sie sich „subjektiv“ auf einer Mitgliederversammlung, objektiv befanden Sie sich ... nicht auf der Mitgliederversammlung der GEMA-Mitglieder“. Folgte eine formaljuristischsatzungsklauselnde Formulierungsgymnastik der abartigsten Art. Aber lassen wir das.

 

Die vorständliche Geheimtuerei hat die selbstverständliche Folge, dass der Interessierte weitere Vermutungen anstellt. Und das darf er ja auch öffentlich. Von besser informierten Menschen, die sich nach meiner kleinen Unruhestiftung in München dankenswerterweise von selber meldeten, erfuhr ich noch ein paar schöne Zahlen. Danach haben sich in den letzten Jahren der Vorstandschaft von Prof. Nr.1 Kreile die Gehaltsbezüge des Vorstands nicht nur verdoppelt, sondern sein eigener Anteil betrug vormals schon nicht nur ein, sondern gar zwei Drittel der gesamten Summe.

Da für den Vermutenden kein Anlass besteht, anzunehmen, dass sich das Verteilungsverhältnis seitdem wesentlich verändert hat, muss er zu dem Schluss kommen, dass an höchster Stelle heutzutage eben nicht nur jene Eindrittel-380.000 EUR verdient werden, sondern das Doppelte. Macht 760.000 EUR . Zack! Wow! Yeah! sprich: Donnerwetter! (Wenn ich mit meiner Vermutung total daneben liege, lassen Sie mich bitte auf der Stelle verhaften, Herr Prof.).

 

Man kann nun natürlich darüber philosophieren und nachrechnen, was durch eine solche Gehaltspolitik mehr oder weniger bedürftigen – vor allem aber auf die monopolcharakterliche GEMA angewiesenen Künstlern abhanden kommt. Viel schlimmer ist noch, dass sich

die GEMA zu einem Selbstbedienungsladen der Schlagerkomponierer und -texter und Werbespotfabrikanten entwickelt hat, dass sich die Oberen Dreitausend* dieser ehrenwerten Gesellschaft gnadenlos bereichern und dass da der treffliche Unterschiedswitz greift, nach dem die Hundehütte für den Hund ist und der Aufsichtsrat für die Katz.

Aber es gibt auch Gutes zu berichten: bereits nach meiner ersten Kampfschrift in Sachen GEMA (JIMpaper 2003) meldete sich bei mir der Leiter des „Volksmusikarchivs Oberbayern“ mit der Bitte um eine Abdruckgenehmigung für das Jahresorgan der Volksmusiker (Auflage 13.000), die ich natürlich herzlich gerne erteilte. Auch mein zweiter Artikel (JIMpaper 2004) wurde dort abgedruckt, und auch dieser hier wird Eingang finden ...

Der Herausgeber des „Musikermagazins/Fachzeitschrift für Rock & Pop Musiker“, der meinen Fehlversuch im HILTON mit bekommen hatte, schickte mir sein neuestes Exemplar, in dem er selbst sieben knallharte „Thesen zur Reformierung einer Monopolgesellschaft“ formuliert hat.

 

Besonders gefreut hat mich der Anruf eines „alten Hasen“ namens Fuchs(!) aus Hamburg, der ebenfalls bei jener Mitglieder(nicht)versammlung dabei war. Er kennt die Musikbranche in- und auswendig und von allen Seiten, arbeitete für den Rundfunk (RIAS Berlin), hat als erster Produktionschef die Plattenfirma Ariola, wie er es nennt, „auf die Landkarte gesetzt“, hat lange bei Bertelsmann gewirkt, war einer der ersten „Indi“ (=independent)-Produzenten und ist – als Verleger – ordentliches Mitglied der GEMA, gehört also zu jenen Oberen Dreitausend. Trotzdem befindet er sich in Sachen Verteilungsgerechtigkeit im Krieg mit der GEMA. Der Prozess, den er angestrengt hat, ist den Allerobersten offenbar so zuwider,

dass er, wie er mir berichtete, eben während jener Veranstaltung im HILTON im Auftrag des Chefsyndikus des zu besonderer Redlichkeit verpflichteten Quasi-Wirtschaftsunternehmens gefragt wurde, ob man die Sache nicht irgendwie „anders regeln“ könne. So nah ist uns Sizilien!

 

Das alles duftet nach aufkommenden Synergieeffekten innerhalb unserer leider ziemlich diffusen Mitgliedergruppen, die angesichts der vermeintlichen Übermacht der GEMA und ihrer Juristen oft doch recht verzagt wirken. Wie schön wäre es da, wenn auch die Abteilung Jazz beherzt mit einsteigen würde. Doch als ich vor zwei Jahren meinen ersten Artikel zwecks größerer Breitenwirkung auch bei der JAZZ-ZEITUNG und beim JAZZPODIUM anbot (in beiden Blättern hatte ich zuvor schon Artikel veröffentlicht), schlug mir nur beredtes Schweigen entgegen. Alles German Angst oder was?

 

Zum Schluss noch ein passendes Zitat:

„Ein unglaublich dicker Hintern. Ja, bildhaft wäre die GEMA (...) dicker fetter Hintern eines dicken fetten Verwalters, als gewaltiger Fettarsch, als Sammelarsch von Tausenden von Einzelärschen darzustellen“.

(Joseph von Westphalen in „Moderne Zeiten/Das Gema-Schema“ S.84)

 

* Zum besseren Verständnis: Die GEMA hat derzeit ca. 60.000 Mitglieder. Davon sind

ca. 51.000 so genannte angeschlossene, ca. 6.000 so genannte außerordentliche Mitglieder. Beide Gruppen haben weder passives noch aktives Wahlrecht. Es gibt zwar ein pseudodemokratisches Delegiertensystem, sprich: jede der drei Berufsgruppen (Komponisten, Textdichter und Verleger) darf jeweils ein paar Erwählte in die „Hauptversammlung der ordentlichen Mitglieder“ entsenden, sie haben dort jedoch kein passives Wahlrecht. Das heißt: die ca. 3.000 so genannten ordentlichen Mitglieder – und ein solches wird (und bleibt) man nur, wenn man durch die GEMA ordentlich verdient (hat) – bleiben unter sich, ungestört von der Basis der Beitrag zahlenden ca. 57.000 „unordentlichen“ Mitglieder.