J.I.M.
Jazzfest 2019
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Michael Wüst

verabscheut Melkwettbewerbe, Topless Bull-Riding für Frauen und jede Form von Fundamentalismus. Behaglichkeiten wie organisierte Religion, die Ehe und andere metaphysische Altbauten sind ihm zuwider. Ansonsten ist er ein pazifistischer Radler und rettungslos in Frauen verliebt.


Liebe Jazzfreunde,

 

das 13. Jazzfest München ist wieder größer geworden. Und es ist wieder dort, wo es in Neuhausen, im Olympiapark, seinen viel beachteten Anfang genommen hatte. Diesmal wieder in einem Zelt, dem neuen zukunftsträchtigen Kulturort „Theaterzelt – Das Schloss“.

Ein wichtiges Signal für Kultur in Neuhausen, einem Stadtteil, nicht gerade gesegnet mit Theatern und Spielstätten.

An dieser Stelle möchten wir uns herzlichst bedanken bei Frau Staudenmayer vom Bezirksausschuss Neuhausen für die rasche und effektive Unterstützung. Ebenfalls bedanken wir uns für die Unterstützung seitens des Kulturreferates, sowie beim Schlossherrn Gunnar Petersen und seinen Partnern, dem Wassermann-Team.

Wir, das ist J.I.M. (Jazzmusikerinitiative München e.V.) mit Andy Lutter, Peter Christl, Naomi Isaacs und Sunk Pöschl (Vorstand), Sandy Fischer (Projektleitung) sowie Michael Wüst und Hans Peter Krohn (Pressearbeit).

 

Allerdings nicht „Back to the Roots“ ist die Devise, sondern die sinngemäße Fortführung dessen, was letztes Jahr im „Stars“ Kunstpark Ost begonnen hat. „Open to Nowhere“? Im positivsten Sinn. In besten Momenten war das im „Stars“ so etwas gewesen wie: Öffnung des Nichts. Mitten im Flachgang jugendlichen Party-Hedonismus, der seltsamen Teilnahmslosigkeit acryligen Trance zeigte der Jazz gerade da seine Stärke, wo er in dieses Nichts mit den gleichen Mitteln hineinstieß. Und klar: nach wie vor müssen neue Formen gefunden werden und natürlich entstehen schon aus der Verwendung neuer Instrumente, die heute keine Form mehr besitzen, sondern „nur“ gerechnet werden, eben neue Formen. Das zeigt sich auch bei diesem Jazzfest 2002.

Da gibt es Atmosphären-Musik, die man Lounge-Jazz nennen könnte oder einen Mix von Chill out und Noise-Art. Loop-Chronometer drehen und wenden Walle-Klänge.

Allein der Teilnehmereffekt des „fehlbesetzten“ Jazzmusikers gibt dem Ganzen eine ironische Basis und das Nichts entblößt sich bereitwillig zur Projektionsfläche: Marsmobil/Digilogue

Harmonisch äußerst spannende Bewegungen, wie zusammengekocht aus impressionistischem Feinklang, Minimalismus und jähem Aufbäumen à la Mingus: Windstärke 7.

Und zwischendrin möchten wir drauf hinweisen, dass J.I.M gelungen ist, was der erfahrene Booker mit bitterem Lächeln und leichtem Wippen in den Knien gerne nebenbei fallen lässt: Einen echten Headliner gibt es auch. Der Mann am Klavier heißt Richie Beirach.

Multimedial gibt sich Wolfgang Roth’s „Geheimrevue“. Piktogramme irren durch eine LittleBigBand, die mit Hilfe dieser modernen Reiseleiter eine Geschichte erzählt von Fusion, Konfusion und – haben wir richtig verstanden – Liebes-Irren? Leiden eines erratischen Werther in moderner Seelenarchitektur aus Glas und Stahl? Ubiquität, Teilnahmslosigkeit und Liebe verirrt? Die Musik vollendet sich ohnehin erst in den Köpfen der Zuhörer. Das also, um nur Einiges herauszugreifen…

 

Manchmal jedenfalls, nicht nur in der Musik, stellt man sich die Frage, wie, wo geht es in die Tiefe, wie tritt man diesen Weg überhaupt an, und stürzt man, stürzt man sehr flach? Ist Tiefe ein anachronistisches Seelenmodell? Das Ende des Oben-Unten? Manchmal erscheint dieser Standort – genannt Tiefgang – virtuell außerhalb des Geschehens. Von dort mag bildungsbürgerlich gemosert werden, aber im selben Moment öffnet die Oberfläche ihre Abgründe, unerkannt von versteinerter Kulturpose. Das ist das Aufregende an Musik, dieser Musik und wir hoffen, das Aufregende an diesem Festival. Sagen wir’s musikalisch: Enharmonik des Standpunkts.

 

Michael Wüst

Pressearbeit