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WANJA BELAGA
Der Herbst 2003 war eine denkwürdige Zeit für Wanja Belaga. Zum einen eröffnete er sein neustes Nachtlebenprojekt, den Club MONOFAKTUR in der Sonnenstraße, zum anderen fällte er die für ihn folgenschwere Entscheidung, einen Flügel in seinem neuen Club aufzustellen. Schließlich waren da ja auch Jazzkonzerte geplant, und ohne ein Klavier wäre es doch irgendwie fad.
Ein alter Grotrian-Steinweg-Flügel war nach kurzer Suche gefunden - nicht gerade in perfektem Zustand, aber doch mit einem sehr ordentlichen Klang. So ähnlich, wie es sich auch mit der Münchner Jazzszene verhält, witzelte er.
Nicht dass er viel Ahnung von Jazz gehabt hätte. Er hatte zwar einige CDs zuhause, von Art Tatum zum Beispiel, bewunderte dessen Fähigkeit zu improvisieren, aber als altem Klassikfreak war ihm das alles auch ein bisschen fremd.
Als er noch sehr klein war, hatte er begonnen, Klavier zu spielen, damals in Moskau. Er spielte bald recht ordentlich, wurde an der zentralen Musikschule Moskau aufgenommen, übte fleißig, schwänzte allerdings beharrlich den Theorieunterricht. Die politischen Wirren des kalten Krieges ließen seine Familie kaum zur Ruhe kommen. Emigration und ständige Umzüge nagten an der labilen Psyche des kleinen Klavierenthusiasten. An Unterricht oder ordentliches Üben war kaum zu denken.
Schließlich in München angekommen, kaufte die Mama ein schreckliches Pianoforte, ein polnisches Billigfabrikat, und er fing wieder an, regelmäßig zu spielen. Das Glück währte allerdings nicht lange. Er brach sich beim Rollschuhfahren die linke Hand - und, kaum war sie verheilt, gleich noch ein zweites Mal. Und da aller guten Dinge ja bekanntlich drei sind, wurde die linke Hand beim Karate noch einmal so heftig traktiert, dass das Handgelenk zerschmettert wurde. Er versuchte es zwar noch eine Zeit lang, gab aber das Spielen dann doch endgültig auf.
Viele Jahre später stand nun also in der MONOFAKTUR ein Flügel, und Belaga begann, gelegentlich darauf herum zu klimpern. Er kaufte sich ein Paar Noten: ein wenig Bach, Chopin, Schubert ... Das Stückelernen brauchte nach so langer Pause natürlich seine Zeit, also begann er zu improvisieren. Und natürlich hatten die Jazzabende in der MONOFAKTUR bald einen gewissen Einfluss auf sein Spiel. Aus purer Lust am Tastenspiel wagte Belaga schließlich einen kurzen Soloauftritt im September.
Ralf Dombrowski schrieb darüber in der SZ:
"Was er am Flügel präsentierte, ist erstaunlich. Belagas Stil ist erfreulich unbeeinflusst von den Großmeistern der Improvisation. Er schöpft aus einem Fundus der Höreindrücke, der
von Rachmaninoff bis Cecil Taylor reicht, emanzipiert sich aber im selben Augenblick von den Referenzen, da er sie im Zitat andeutet. Seine Musik fließt und brandet, im harmonischen Eindruck frei… Pedalarm und notenreich jagt Belaga durch die Stimmungsräume, bevorzugt die unteren und mittleren Register…dabei hilft ihm die nun reaktivierte Technik auch höllisch komplexe Passagen wie selbstverständlich perlen zu lassen… eines ist schon nach wenigen Minuten klar: Belaga ist einer der unkonventionellsten Pianisten, die die Münchner Szene derzeit zu bieten hat. Und er hat eben erst angefangen, sich an seine Kompetenzen zu erinnern.“

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