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Susanne Schweizer
Susanne Schweizer

Blondine mit Mantel, aber ohne Manta. Gross geworden mit Klassik (172 cm) und in Stuttgart. Solides Pianoforte-Studium. Durchlauferhitzer: München, Grafing, Pakistan. Welche Richtung? Natürlich in die Schweiz – mit Folge einer entsprechenden Nachnamensänderung (S.o.) Fernziel: 2006 mehr Jazz in allen Gassen!


Entertainer sucht Elise

Notizen from the teacher’s corner

 

Gleich zur Sache: Ich bin eine ganz normal unnormale klassische Klavierlehrerin mit Jazzambitionen seit meiner Pubertät (die Ambitionen, nicht klassische Klavierlehrerin, logisch!). Der Jazzclub in Stuttgart, dem ich meine Mitgliedschaft gönnte, war allein schon deshalb attraktiv, weil ein mir recht sympathischer Klassenkamerad dort ebenfalls Clubmitglied war. So läuft’s halt.

Jedenfalls gefiel mir die Atmosphäre inklusive Jazz verschiedenster Richtungen so gut, dass ich sehr froh war, eines Tages Howard Johnson, den wunderbaren Tubaspieler aus Woodstock kennen zu lernen, der gerade mit Gil Evans auf Tour war. Das war in Bologna auf der Piazza und beeindruckte mich doch ziemlich.

 

Nicht einmal das BLUE NOTE in New York oder die GREEN MILL in Chicago konnten diese frühen Erlebnisse toppen – höchstens die Münchner Clubs, schon weil man da sitzen bleiben kann und nicht weg muss wie in N.Y., damit die nächsten rein können.

Es wäre eine ziemliche Angeberei, wenn ich behaupten würde, ich verstünde viel vom Jazz. Richtiger ist vielmehr: ich liebe Jazz und würde ihn gerne auch beruflich etwas häufiger praktizieren, aber als Klavierlehrerin muss ich gemischte Kost anbieten. Die lieben Kleinen können noch nicht so viele Blue Notes verkraften – außer sie sind es vom Elternhaus o.ä. her hörgewohnt. (Was nicht heißt, dass nicht nach wie vor ein erster Boogie fast immer die Bombe schlechthin ist, weil er halt so viel Spaß macht.)

Kollegen, die diese Zeilen lesen, kennen es gut: Bekanntes und Beliebtes wird oft lieber gespielt als Fremdkost. Die Klassiker Für Elise, D-moll Toccata von Bach, der Entertainer, Pour Adeline, Yellow submarine, Lovestory etc. sind einfach in der Hitliste der Schüler nach wie vor ganz oben.

 

Was macht also eine verantwortungsbewusste „Lehrkraft’? ( -körper ist auch ein schönes Wort aber noch dööfer). Keine Ahnung, was andere machen, ich probiere Folgendes: Gleich zum Anfang sage ich den Kindern oder Erwachsenen, die bei mir Klavier lernen möchten, erst mal: „Ich freue mich über jede richtige Note!“ Das entspannt. – Auch gut ist: „Das kann sehr schön werden.“ Denn, wenn der Enthusiasmus noch nicht so voll da ist, muss man ja heftig motivieren, um ihn herbei zu kriegen. Dazu sind viele Mittel recht. Und es kommt bei Einigen der Schüler/Innen der Moment, in dem ich auch mal was ganz Schräges, Jazziges anbieten kann, welche Freude! Wenn es dann zu brav klingt, kann man sagen:

„Ich freue mich über jede schräge Note, aber spiele sie auch“. Und wenn es anfängt zu swingen, die Füße unterm Klavier ganz ohne Befehl eine rhythmische Funktion einnehmen, dann ist man auf dem richtigen Weg ...

 

Ein 15-jähriges Mädchen, voll in der Pubertät und deshalb nicht ganz einfach zu bedienen, sagte neulich im Unterricht: „Das Einzige, was mich wirklich interessiert, ist Jazz.“ Aha! Sofort wurde die Klavierstunde zur Blues-Session. Sie versuchte sich in der Improvisation mit dem weltberühmten Zwölftakter – und wie! Der kleine Hinweis, sie möge einfach nur halb soviel spielen, bewirkte das Gewünschte. Sie fing nämlich an (auch sich selbst) zuzuhören und ihre Erfindungsgabe dosiert einzusetzen. Das machte dann wirklich Spaß – kleiner Talentschuppen!

 

Irgendwo muss es anfangen. Es ist sicher nicht schlecht, wenn man die richtige Technik gelernt hat und auch mal den Mittelteil der Elise gespielt hat oder die 8000 Variationen vom Flohwalzer. Die richtige musikalische Richtung zu finden für die Schüler/Innen ist das Ziel von uns Lehrern. Und manchmal ist es eben Jazz. Das finde ich dann besonders erfreulich.

Und noch was: Als ich kürzlich einer Schülerin Wesentliches, das Klavierspielen als solches und ihres insbesondere betreffend, erläuterte, hatte ich plötzlich das Bedürfnis, sie zu fragen, ob sie das eigentlich überhaupt interessiert, was ich ihr da gerade erkläre. Die treuherzige Antwort: „Wenn ich verstehen würde, was Sie sagen, würde es mich schon interessieren.“ Na bitte!

Das gibt der Lehrkraft (inkl. -körper) dann doch zu denken.