J.I.M.
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www.joernpfennig.de

Jörn Pfennig

lebt in Burghausen, ist Musiker

(Klarinette und Saxophon) und erfolgreicher Schriftsteller,

u.a. Autor von „Grundlos zärtlich“

 


J.I.M. = Jazz im Morast

Beauftragte Worte zur Zehn-Jahres-Festschrift, die zu Herzen gehen und persönlich erinnert sein sollten – aber nicht veröffentlicht wurden. Bis jetzt. JIMpaper holt Versäumtes nach und präsentiert eine ,Verklärung zur Stunde Null‘ von Jörn Pfennig


Das erste Jazzfest im Jahr 1990

Genau drei Jahre ist es her, da rief mich Gaby dos Santos an und verband ihre Ankündigung einer von ihr zu betreuenden „Festschrift“ zum anstehenden 10. J.I.M.-Jazzfest mit der Anregung, ich möge mir doch zu den von mir ja heftig miterlebten Anfängen dieser Institution ein paar zu Herzen gehende Zeilen einfallen lassen anhand meiner persönlichen Erinnerungen an die Stunde Null oder so ähnlich… Da das Verfallsdatum dieser Festschrift bedauerlicherweise vor ihrer Niederkunft terminiert war, ging mein folgsam verfasster Artikel irgendwie daneben und verbrachte seine Zwischenzeit im festschriftfernen Raum in Erwartung einer künftigen niedereren Niederkunft. Und siehe da: Jetzt gibt es ein wesentlich bescheidener klingendes „JIMpaper“, das sein eigenes Geburtsdatum überlebt hat. Danke, danke, Dank!

 

Es war wohl eher die Stunde eins oder anderthalb, in der ich zu dem stieß, was sich da

in der Unterfahrt zusammenbraute, -traute, -staute. Noch namenlos, ungeordnet, liebenswürdig, aber mit grandioser Entschlossenheit, es nun endlich einmal aufzunehmen mit den Verwaltern jener exorbitanten Summen, die eine einohrig hochkulturell ausgerichtete Politik auf ein Segment ohnehin nicht darbender Bürger kübelt, während Musiker und Veranstalter, die sich der Subkultur Abteilung Jazz verschrieben haben, ständig über den Rand der Existenz in einen feindselig gurgelnden Abgrund schauen. Das schrie nach gerechterer Verteilung, und das tat es denn auch bei den ersten Versammlungen, in denen – makellos basisdemokratisch – jeder zu Wort kam, der es nur lauthals genug vortrug. Doch eh wir’s uns versahen, hatte uns eine göttlich ordnende Hand eine Sitzungsleitung geschenkt, welche die Wortmeldungen bis ins zehnte Glied akkurat vermerkte. Das Chaos ging zurück, die Organisierung schritt fort – vorerst allerdings gut verträglich. Um eine Initiative zu gründen, braucht es nichts als den beherzten Beschluss der Beteiligten, dass man von nun eine solche sei. Und natürlich einen Namen, der dem Außenstehenden möglichst besagt, worum es dieser Neugründung geht. „Jazzmusikerinitiative München“ – auch einfachere Geister, als dies gemeinhin der Selbsteinschätzung von Jazzmusikern entspricht, hätten wohl zu dieser Bezeichnung gefunden, aber die Wucht des Schlichten entwickelt ja gerade auf politischem Terrain ihre besondere Kraft. Und dort wollten wir hin.

 

Schon gab es einen Termin beim Kulturreferat, zu dem aus basisdemokratischen Gründen jeder mitkommen konnte, der sich davon einen Sinn versprach. Dieses traf immerhin auf neun Personen zu, und so herrschte beim Vorbringen unserer Anliegen haufenweise Sinn

und recht wenig Platz. Da wir aber nicht nur Anliegen vorzutragen hatten, sondern auch eine preiswerte Idee, wurde aus dem Termin beim Referat ein Termin beim Referenten, dem wir besagte Idee dann sinnvollerweise bloß noch zu viert referierten. In immer geordneteren Sitzungen hatten wir uns unterdessen nicht nur das einleuchtende Kürzel J.I.M herbeidiskutiert, sondern auch ein Projekt, mit dem wir sowohl uns, als auch dem Kulturreferat und dem Rest der Welt Gutes tun konnten: Ein Festival der Münchner Jazzmusiker, also unserer selbst, wollten wir auf die Beine stellen, aber – und das war das Schlaue daran – unter schmerzhaftem Verzicht eben dieser Unsererselbst auf ein Honorar. So zu Märtyrern geworden, musste uns der Kulturreferent Gnade erweisen, was er denn auch tat.

 

Irgendwann, irgendwie war es dann da: das Organisationstriumvirat Beckmann-Martini-Pfennig. Keiner weiß genau, wie es dazu kam. Vermutlich waren es aber ganz natürliche Gründe wie überbordendes Engagement, unbezähmbarer Fleiß und eine fast schon gottlose Kühnheit. Verlockende Summen, die mancher Misstrauische für die Motivation verantwortlich wähnte, waren jedenfalls nicht in Sicht. Da der unterzeichnende Chronist ein Drittel des denkwürdigen Trios darstellte, könnte er mit Fug und Recht noch manch anderer falschen Vermutung den Garaus machen. Beispielsweise der, dass hinter der ungeheuren Effizienz dieses Teams eine ebenso ungeheure Harmonie steckte. Um dieses zurecht zu rücken, gleichzeitig der Gefahr des Anekdotischen auszuweichen und es dabei dann auch zu belassen, sei hier nur folgende Grundkonstellation grob skizziert: Kandidat Martini läuft in den Morgenstunden zwischen neun und zehn zur Bestform auf. Kandidat Beckmann erlebt dagegen seinen mental-kreativen Schub nachts zwischen drei und vier. Folglich sind beide Kandidaten telekommunikativ inkompatibel und bedürfen eines Mittlers. Kandidat Pfennig bangt nun morgens viel zu frühen und nachts viel zu späten Telefonaten entgegen, die aber alle sein müssen, denn schließlich gilt es, ein Festival auf die Beine zu stellen, wie es die Welt noch nicht gesehen hat.

 

Dass München unter anderem auch deswegen so unabsehbar leuchtet, weil dort unzählige vorzügliche Jazzmusiker ihr Wesen treiben, war uns natürlich bekannt. Anders wäre die Idee eines rein münchnerischen Festivals ja blanker Blödsinn gewesen. Dass es aber gar so Unzählige waren, die sich für vorzüglich hielten – das erstaunte denn doch, zumal ja außer der olympischen Ehre des Dabeiseins nichts als Gottes Lohn in Aussicht gestellt war.

Eine meiner Aufgaben war es, alle Bewerbungsunterlagen zu sammeln, zu sichten und zu ordnen, bevor sie in einem von der Vollversammlung gewählten Programmausschuss diskutiert wurden. Durch diesen bloßen verwalterischen bzw. statistischen Akt wuchs mir eine missverstandene Macht zu, die mich ein ganz klein wenig schaudern ließ. Natürlich hielt ich es für meine Pflicht, dem Wahrheitsgehalt potentiell geschönter Studio-Demos ein bisschen hinterher zu forschen. So gut es ging, war ich also Gast bei Liveauftritten von Bands, die sich beworben hatten. Von großen Freundlichkeiten bis kleinen Unterwerfungen kam da so einiges auf mich zu, der ich plötzlich nicht mehr als Anonymus oder Normalkollege am Tresen lehnte. Aber haben wir’s nicht alle irgendwie geahnt, dass sogar Jazzmusiker auch nur Menschen sind?

 

Als am Mittwoch, den 19. September 1990 um 18 Uhr der Kulturreferent der Landeshauptstadt München das erste J.I.M.-Jazzfest eröffnete, waren für insgesamt 5 Tage insgesamt 32 Konzerte mit insgesamt mehr als 200 Musikern organisiert. Ein wunderbares, altgedientes Zirkuszelt stand auf dem Olympiagelände inklusive Versorgungstrakt in Sachen Essen und Trinken. Alles war vorhanden, was ein brausendes Fest brauchte, bloß kein Publikum – zumindest nicht in einer Anzahl, die komfortabel gewesen wäre für die ersten auftretenden Künstler. Das Gefühl war mulmig, die Parolen waren durchhaltend und der wiederholte Hinweis auf die bekannten Eigenarten des Münchner Publikums klang hilflos. Aber siehe da: allmählich füllte sich das Zelt tatsächlich bis zur Rammelvollheit, und der Stimmungszeiger landete im roten Bereich der Euphorie.

So sollte es Gottseidank dann auch bleiben. Wir erlebten aber darüber hinaus noch einen herrlichen Schub in Richtung gemeinsam erlebter Katastrophen, die einander ja näher bringen sollen. Am übernächsten Tag nämlich fing es derartig an zu unwettern, dass dem würzigen Kürzel J.I.M. alsbald die galgenhumorige Interpretation „Jazz im Morast” zugedacht war. Da jedoch nicht nur der Regen strömte, sondern auch das Publikum, da im Zelt nicht nur der Sumpf dampfte sondern auch der Jazz, wurde es ein unvergessliches Fest.

Unvergesslich? Na ja, möglicherweise fand der eine oder andere Musikant die nachfolgenden Jazzfeste doch wesentlich erinnerungswürdiger – da gab's dann nämlich schon eine ordentliche Gage.