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Steffen Müller (28)

spielte u.a. mit Embryo, Karsten Hochapfel, Wanja Slavin, Chuck Henderson, Geoff Goodman. Er studiert Jazz-Baß am Richard-Strauss-Konservatorium.


Spielen wir ihn, wo er nicht hingehört, dann setzt sich Qualität durch

Als man an mich herantrat, ich solle doch mal was für eine Jazzzeitung schreiben war ich erst einmal erstaunt. Einerseits wollte ich das zwar schon immer mal machen, andererseits warf sich die Frage auf, warum gerade ich das tun soll. Okay, es wäre interessant, mal was von den Jungen zu hören, so ungefähr: "ich spreche für meine Generation." ... und das, obwohl ich doch genau weiß, dass ich nur für mich sprechen kann, denn wo, wenn nicht in der Jazzwelt, sind wir derart von Autonomen und Individuen umgeben

Ich mag nämlich eigentlich gar keine Jazzmusik. Es sei denn, sie ist sehr, sehr gut... dann ist sie meistens von Wayne Shorter, Coltrane, Blue Mitchell, Lester Bowie oder Branford Marsalis oder am allerbesten live gespielt, auf Vinyl und unter Leuten gehört, darunter verstehe ich auch, dass sie massenkompatibel, also in diesem Moment Pop ist. Das klingt wie ein Widerspruch, letztlich ist es aber nur die größtmögliche Utopie "echter" Musik heutzutage. Ich bin mit Pop (ein sehr dehnbarer Begriff) in einer Verstehergesellschaft aufgewachsen (jeder versteht jeden und alle sind nett zueinander und dabei gleichzeitig so verlogen, das die Schwarte kracht).

 

Das Jugendamt und die Sozialarbeiter sagten mir, nachdem ich einen mittelmiesen Realschulabschluß präsentierte: Aha, du machst Musik! (ich spielte zu der Zeit in einer Band, in der die Leute sich schwarz kleideten, Can, David Bowie, Iggy Pop und Velvet Underground hörten, fast alle Drogen mal probiert hatten... kurz: wir waren Problemkinder)? Aha, gut, wir sind vom Staat und zahlen dir eine Jazzschule! Najagut, es war nicht des Staates Idee: Von der Existenz einer Jazzschule erfuhr ich durch eine Sängerin aus unserer Vorstadtclique. Sie hatte dunkle Hautfarbe (Ich wollte sie wohl beeindrucken, leider war sie lesbisch). Ich hatte nahezu überhaupt keine Ahnung von dieser Musik und das meiste, was ich von ihr kannte, hasste ich. Der Staat hatte mich gerade zwölf Jahre in seine Erziehungsfabrik eingesperrt, jetzt schreibt er mir quasi auch noch vor, wie ich mich zu fühlen habe! Ich soll mich nicht widerspenstig, sondern geschmeidig, wohlklingend anhören/fühlen.

 

Warum ich jetzt trotzdem Jazzmusik mache, hat wohl mit einer Eigenschaft dieser Musik zu tun: Ich bin Außenseiter, aufgewachsen unter freiwilligen oder unfreiwilligen Außenseitern. Ich war immer umgeben von Rockmusik im weitesten Sinne, den ganzen Hippiekram wie Pink Floyd, Deep Purple, Scorpions (ja, ich schäme mich!) später dann AC/DC, Motörhead, dann Punkrock, New Wave, Iggy Pop, David Bowie, Tom Waits, Hiphop, Soul...wenn ich alles aufzählen müßte, würde ich nicht fertig werden - lassen wir das. Oberbegriffe sind ohnehin mißverständlich. Es gab Musik die man gut fand weil sie jeder hörte mit dem man sich verstand oder weil sie nur ein kleiner eingeschworener Kreis hörte weil man dazu gut kiffen konnte oder weil sie einfach lustig war (Spike Jones). Dann gab es diejenigen, die Hiphop hörten und gegen die Metaller waren; die Mädels hörten billigen Schleimpop, wo es nur um die Schönlinge von MTV ging und sangen mal am Lagerfeuer Simon & Garfunkel, oder aber die Interessanteren färbten sich die Haare schwarz oder rot und hörten vielleicht auch Punkrock wie die Jungs, nur nicht so hart, so wie David Bowie, Leonard Cohen oder so.

Jazz, wenn man das überhaupt noch kennt, gilt immer mehr als das gestrigste und spießigste, was man sich überhaupt anhören kann, schlimmer noch als Klassik. Es ist der Ausdruck entweder stinklangweiliger sentimentaler Biergartenseligkeit (Jazz vor Bebop) oder pure Angeberei: "Will der uns allen beweisen wie toll er sein Instrument spielen kann...? Der holt sich da doch nur einen runter" (Jazz nach und während Bebop) oder zu abstrakt, wirr, irgendwie kraftlos und nichtssagend: "Mach dieses komische Psycho-Gedudel aus". (80er und 90er, ECM). Nun also immer noch: Wieso gerade ich? Ich bin nämlich im Grunde immer noch derselben Auffassung. Die ändert sich aber meistens wenn ich ein gutes Konzert höre.

Und doch dachte ich mir immer, seitdem ich mal ein Schlagzeugsolo auf irgendeinem Vorstadtfestival von irgendeiner Vorstadtrockband hörte: "Aus diesen paar Instrumenten kann man so viel machen, wieso spielen die immer wieder den selben Lick, den selben Beat, den selben Begleitbaß. Nicht, dass ich das schlecht fände, aber man könnte doch noch weiter gehen... Man könnte die ganze Zeit das Beste herausholen, das Alte im Hinterkopf behalten und aus dem Scheiß, den man ja nun oft genug gehört hat, spontan Variationen erfinden und so das ganze vom Fuß auf den Kopf stellen ohne den Kopf zu verlieren... Wieso macht das denn niemand?" Ich war wütend, dass mich keiner verstand, die anderen waren auch wütend, alles war verwirrend (es gibt hunderttausend verschiedene Musikstile, AKWs und Umweltzerstörung, Ost gegen West, Repression allerorten, schlechte Nachrichten aus den Medien) und so begannen wir noch wütender auf unseren Hölzern zu spielen, noch aggressiver, brutaler. Indem wir Sachen coverten, kamen wir auf einen Nenner... doch das war irgendwann unbefriedigend (doch zur Zeit gibt es keine Hits mehr... auffällig viel wurde in letzter Zeit gecovert. Sind das neue Standards?).

Wir jammten irgendwelche Riffs, machten komische und kaputte Stücke draus, die manchmal psychedelisch flogen und manchmal tieftraurig waren. Ich war meinen Mitpunkrockern ein bisschen vererbte Musikalität voraus und als ich keine Ahnung hatte, welchen Beruf ich in dieser beschissenen, verlogenen Welt ergreifen sollte, sagte das Jugendamt, okay wir zahlen dir die Jazzschool. Was? Ich und diese stinklangweilige Kaufhausmusik, dieses seichte Gedudel? Niemals!! Dann eben eine Lehre, oder eine Berufsausbildung? Auch niemals!!! Na gut, also lieber der Frage nachgehen was Musik alles sein kann, schließlich gibt’s BAFöG-Kohle.

Dann dachte ich, ich hätte da mal was gehört, als ich vielleicht sechs Jahre alt war, in der Kommune, so Musik wie ich mir immer dachte, dass sie sein müßte, so klar, erhaben, komplex und ekstatisch, natürlich, mit einer Würde und Souveränität, ohne Trauer und Verzweiflung. Ich glaube heute das war der frühe George Benson, oder ... oder wars Bill Evans in seiner Rhodes-Piano-Phase? Es war nicht das, was Musiklehrer oder meine Wirtschaftswundereltern mir als Jazz verkauften und doch war es das. Naja gut, der Sound war ähnlich, die verwendeten Töne waren gleich, aber das ganze war so ungemein ... tiefer. Und gleichzeitig flog es. Es hatte vielmehr als das, was immer als Jazzmusik präsentiert wurde...Es schien von allem gleichzeitig zu handeln, von ALLEN Gefühlen die mich je betrafen. Ich begriff mit der Zeit, das ich schon viel zu tief in Musik drinsteckte, als das ich mit was anderem zu tun haben könnte.

Und jetzt bin ich wohl da, wo ich meine AltersgenossInnen auch vermute und meine Elterngeneration hoffe: Ich arbeite mich an meinen Vorurteilen ab. Dann begann ich - seitdem ich nun Musik nun doch studiere - auf Jazzkonzerte zu gehen... und war oftmals überwältigt von all diesen Farben und Assoziationen.

Und das bin ich bis heute: Wenn ich mir eine Zukunft des Jazz vorstellen soll, dann merke ich zunehmend, das Interesse an dieser Musik schwindet. Dann muß sie sich vielleicht... einfach anders nennen. Gestern spielte ich auf der Straße und so ein Typ, so in meinem Alter kam zu mir her und fragte mich, wie man das nennt, was wir da machen...

Ich habe mal ein Experiment gemacht, das ich mit der Jazzmusik immer wieder wiederholen möchte: ich bin in meine Stammkneipe gegangen in der die Leute mit denen ich aufwuchs, also freiwillige oder unfreiwillige Außenseiter, zumeist aus dem links-alternativen Spektrum, sich trafen. Ich spielte mit meiner damaligen Band und wir machten eigentlich nur so Zeug, was dort niemals jemand zu hören kriegt, weil da meistens Punkrock, Wave und Reggae erklang... Die Schlagzeugerin, die auch sang, spielte so ne Art Soulgroove, ich spielte so ne Art Fretless-Fusionbass und der andere Gitarrist/Sänger, der eigentlich weder sein Instrument noch seine Stimme richtig beherrschte, sang dazu seine Brasil-Tunes... und alles das gleichzeitig. Das ganze hatte viel mit Jazz zu tun, obwohl im Programm was vom lässigen Gitarrensound stand...

Es war Musik, die definitiv nicht in diesen Laden gehörte... die Leute fühlten sich teils angepißt, teils irritiert oder die Musik ging unter...trotzdem applaudierten sie...Aber an genau diesen Plätzen möchte ich Jazz oder das, von dem ich denke was es sein könnte, hören... und zwar ::::LAUT::: (ich meine eigentlich: hörbar!)!!!!! Spielen wir das Zeug da, wo es nicht hingehört, dann setzt sich Qualität durch. Ich glaube, dass Jazz nur so am Leben bleibt (oder zum Leben erweckt wird), ohne dass er Mund-zu-Mund-Beatmung von irgendwelchen eventuell einflußreichen Mäzenen benötigt. Damit im kollektiven Bewußtsein etwas am Leben erhalten wird, so in etwa: da war doch irgendeine Musik, die war wunderbar, so tief, so cool, so würdevoll, so traumhaft, so ABGEFAHREN... das ist also Jazz... ich meine nicht diese komischen Versuche mit DJs die dann wieder das machen, als was ich Jazz im ersten Augenblick kennengelernt und mißverstanden habe, diese manchmal etwas wirre Fahrstuhl-Lounge-Synthiemusik, wo der Rhythmus irgendwie dingding-gedingding geht, die Leute tragen Dolce & Gabbana und riechen nach Chanel, das ist so irgendwie und eigentlich nichts ... Das heißt im übrigen nicht, ich hätte was dagegen, mir sowas leisten zu können, wer braucht ein Verruchtheitsimage? Ich nicht, das habe ich sowieso schon, wenn ich Straßenmusik mache...