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Guido May
Guido May

Echter 68-er (Jahrgang), Familienvater, Schlagzeuger mit Wirkung über die Grenzen. Derzeitige Wirkungsbereiche: PeeWee Ellis Band, Biboul Darouiches’ „Soleil Bantu“, Martin Scales’ „Conspiracy“, Christian Elsässer-Trio,

Café du Sport.


Das Flugzeug

Was Coca-Cola-Dosen alles können

 

Vom Goethe-Institut organisierte Reisen in fremde Länder sind etwas Schönes im Leben eines Musikers. Man sieht die Welt und wird obendrein noch sehr gut behandelt. Als sich unsere Band „Café du Sport“ auf einer dreieinhalbwöchigen Westafrika-Tournee befand, kam es jedoch zu einer Begegnung der eher anstrengenden Art – mit einem Flugzeug.

Wer schon mal in West-Afrika war, weiß um die hohen Temperaturen, die Luftfeuchtigkeit,die Armut und das unglaubliche Treiben in den Metropolen. Die ersten beiden Stationen unserer Tournee waren Lomé/Togo und Lagos/Nigeria, dann ging es weiter nach Cotonou/Benin.

Nach unserem dortigen Konzert zogen wir noch mit einigen Musikern und Leuten vom

deutschen Entwicklungsdienst durch die Stadt. Schon im ersten Lokal kamen, wie dort üblich, nach ein paar Minuten die fliegenden Händler. Von Zigaretten bis ganzen Hausapotheken und Papst Benedikt XVI.-Bannern kann man so ziemlich alles käuflich erwerben.An diesem Abend bot uns ein Händler wunderschönes Blechspielzeug an. Darunter auch ein aus Coca-Cola-Dosen gefertigtes Flugzeug etwa in der Größe einer Möwe. Unglaublich gut gearbeitet und absolut sehenswert. Aber wie transportieren? EinSpezial-Case aus Styropor, nicht zu schwer und nicht zu groß, so dass es noch in den sowieso schon vollen Koffer passt?

Oder gleich nach Deutschland schicken, oder ...

Transportproblem hin oder her – ich sah das Schmuckstück bereits so plastisch daheim im Kinderzimmer hängen, dass es kein Halten gab: wie auch immer der Flieger nach

Deutschland kommen würde, ich musste ihn haben.

Die Weiterreise sah also so aus:

Die Beckentasche über der Schulter, mit der rechten Hand den Koffer ziehen und

in der linken Hand – genau – ein wunderschönes rotes Coca-Cola-Blechflugzeug

auf seinem zweieinhalbwöchigen Weg durch West-Afrika.

Wer schon einmal die anstrengenden Ein- und Auscheckprozeduren mitgemacht hat, das stundenlange Warten, die Hektik, die ständige Furcht, beklaut zu werden und die manchmal nicht sehr zuvorkommenden Ein- und Ausreisebehörden, kann sich in etwa vorstellen, was es heißt, die ganze Zeit ein Flugzeug in der Hand zu halten. Der Spott der Kollegen über die verrückte Aktion erleichterte das Ganze nur wenig.

Doch zu unserer Überraschung stellte sich das Flugzeug als absoluter Blickfang heraus. Die bewaffneten Grenzbeamten freuten sich daran, die Flugzeugkapitäne wollten es mir sehr gerne abkaufen und die Bettler versicherten mir, dass es bereits ihnen gehöre. Auch die reserviertesten Stewardessen und unnahbarsten Rezeptionsdamen konnten ihr Schmunzeln nicht verbergen. Selbst die uns an den jeweiligen Flughäfen in Empfang nehmenden Goethe-Instituts-Leiter hatten so etwas noch nicht gesehen. So ging es also weiter nach Duala und Yaundé/Kamerun, dann Abidjan/Elfenbeinküste und Accra/Ghana. Schnell hatte ich mich an die positiven Reaktionen gewöhnt – wir flogen nämlich jetzt nur noch mit der weltberühmten „Air Coca“, so der Lieblingskommentar der Schalterbeamten.

Unser letzter Spielort war Dakar/Senegal. Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit nahm ich aus Müdigkeit einen Gepäckwagen zur Hilfe: Beckentasche und Koffer drauf, Flugzeug in den Korb und ab durch die Kontrollen. Auf dem Weg zum Parkplatz wurden

wir bereits von Horden von Bettlern belagert. Der Institutsmitarbeiter und sein Fahrer luden unser Gepäck gerade in den Transporter, als ich einen Glückscent auf dem Flughafenparkplatz blitzen sah – also aufheben! Die Koffer waren eingeladen, den Gepäckwagen hatte ich schon zur Seite geschoben und los ging’s nach Dakar.

Nach zehn Minuten Fahrt schreie ich los: „Sofort anhalten, das Flugzeug ist weg!“

Wir halten an und erklären dem Institutsmitarbeiter die vor allem emotionale Dringlichkeit der Situation. Nach kurzer Lagebesprechung entscheiden wir uns aber, nicht zum Flughafen zurückzufahren. Zwecklos. Wo, wenn nicht in Dakar, wird alles geklaut, was nicht niet- und nagelfest ist.

Alles umsonst. Das schöne Märchen vom Coca-Cola-Flugzeug hatte sein

jähes Ende gefunden. Am vorletzten Tag der Tournee. Nach all den Strapazen eine kurze Unachtsamkeit – ein „Glückscent“ immerhin – und schon ... Mein

Glaube war so tief erschüttert wie selten. Loslassen, rede ich mir ein, sage tapfer:

„Wer auch immer mein Flugzeug jetzt besitzt, macht vielleicht sein Kind damit glücklich.“

Offenbar beeindruckt von meiner Trauerarbeit, erzählt uns der Fahrer von einem Freund, der am Flughafen arbeite und jeden dort kenne. Ihn würde er anrufen und uns dann Bescheid geben. Eine schöne Geschichte, denke ich mir, und habe schon ein Drehbuch vor Augen:

Der Fahrer ruft seinen Freund am Flughafen an. Dieser, zutiefst gerührt, ruft sofort beim berühmten Flughafen-Fundbüro Dakar an, wo einer seiner Brüder arbeitet. Dieser ist mit der Schwester des Chefs der Bande verheiratet, die auf Blechflugzeugklau spezialisiert ist –

Schnitt ...

Wir fahren also weiter ins Hotel. Einchecken ohne Flugzeug – ein ganz neues Gefühl.

Es fehlt mir etwas. Ausruhen kann ich mich nicht, also laufe ich durch das Getümmel von Dakar, während die andern im Hotel relaxen. Als wir zum Konzert abgeholt werden, gibt es eine riesige Überraschung: Das Flugzeug wurde angeblich gefunden, erklärt uns der Fahrer.

Wir können es nicht glauben. Morgen würden wir auf dem Weg zurück zum Flughafen das Flugzeug bei dem erwähnten Freund abholen. So richtig freuen wollte ich mich aber erst, wenn ich meinen Flieger wieder in Händen hielt.

Nächster und letzter Tag der Tournee. Wir fahren also zum Flughafen und machen einen kleinen Umweg zu einem Haus am Stadtrand. Der Fahrer springt raus und verschwindet.

Fünf Minuten vergehen – nichts. Zehn Minuten vergehen. Da öffnet sich die Tür und ...

der Fahrer hält mein Flugzeug in der Hand! Riesen Applaus! Mein Glaube kehrte zurück,

wir erklärten die Geschichte zum Wunder und der Flieger war nun endgültig das offizielle Bandmaskottchen.

Wie und wo das Flugzeug gefunden wurde, war aus dem Fahrer nicht rauszubekommen.

Der Finderlohn wurde aus der Bandkasse gezahlt und blieb weit entfernt vom ideellen Wert.

Das letzte Bandfoto in Westafrika zeigt vier Musiker und ein rotes Coca-Cola-Flugzeug.

Den Glückscent habe ich beim Einsteigen in die Maschine nach Paris auf das Flugfeld

geworfen. Wer immer ihn findet, soll gleiches Glück erleben.