J.I.M.
Jazzfest 2019
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Wolfgang Lackerschmid

Silvanus Musikverlag Traumraum Tonstudio Dominikanergasse 4, 86150 Augsburg

 


„Und was machen Sie eigentlich beruflich?“

Nützliche Tipps für den sogenannten „Nichtjazzer“

 

Zur Vermeidung inkompetent wirkender Fragen wie dieser im persönlichen Umgang mit dem gemeinen Jazzmusiker – dem Finanzgenie zwischen Jazzclub

und Managerposten.

 

Mit diesen Blättern präsentiert sich JIM nun der Öffentlichkeit – also auch den sogannten „Nichtjazzern“, die man in München und Umgebung noch vereinzelt in versteckten Rückzugsgebieten antreffen kann. Für diese bieten die folgenden Zeilen einen kleinen „Crash-Kurs“, damit sie sich beim obligatorischen Besuch des JIM-Festivals nicht benachteiligt fühlen. Nach Genuss dieser Ausführungen kann jeder mit einem guten Gefühl, gestärkt durch solide Hintergrundinformationen, der aktuellsten und intensivsten aller Musikrichtungen lauschen. Das ist jetzt übrigens nicht ironisch gemeint. Es gibt nichts aktuelleres als Live-Jazz, weil der prägnanteste Teil dieser Musik, die Improvisation, die jeweilige Stimmung reflektiert, der auch der Zuhörer ausgesetzt ist. Diese wird beispielsweise hervorgerufen durch den Ort, die Zusammensetzung der Menschen, den Zeitpunkt des Konzerts (Tageszeit, Jahreszeit, Mondphase) etc. So nimmt beim Jazz auch der Zuhörer intensiv am musikalischen Geschehen teil. Voraussetzung ist natürlich, daß „echter Jazz“ dargeboten wird. Dieser unterscheidet sich von den meisten Musikdarbietungen dahingehend, daß nicht ein fertiges Produkt reproduziert wird, sondern bestimmte Musikerpersönlichkeiten auf der Bühne etwas für diesen Moment erschaffen.

Jazz ist wer spielt!

Wennich „echter Jazz“ sage, dann gibt es also auch „falschen Jazz“? Zumindest wird oft falsch verstanden, was Jazz ist. Nach den obigen Ausführungen kann der alerte Leser sich bereits selbst beantworten, was oft unter falschem Etikett angeboten wird und somit das noch unbedarfte potenzielle Jazzpublikum verunsichert.

 

Ist es Jazz, wenn...

1. die Frau Kammersängerin mit Klavierbegleitung „Summertime“ Ton für Ton nach Noten vorträgt?

2. die Blaskapelle im Bierzelt „In the Mood“ spielt?

3. ein virtuoser Pianist sämtliche Oscar-Peterson-Aufnahmen nachspielen kann?

4. ein Jazzmusiker „Für Elise“ spielt und dabei auf seine Weise improvisiert?

(Natürlich haben Sie es schon durchschaut: nur Punkt 4 ist mit Ja zu beantworten.)

 

Nun können Sie bereits mit der richtigen Einstellung die Vorverkaufskarten erwerben.

Da jeder charismatische Musiker, sogar jede Besetzungsvariante, eine andere Art von Jazz mit sich bringt, empfiehlt sich selbstverständlich ein Festivalpass. Der Künstler definiert sich durch sein Publikum. Je mehr das Publikum von der Musik des Künstlers weiß, desto mehr fühlt dieser sich natürlich auch „am richtigen Platz“. Daher gebietet der Anstand, daß man sich vor dem Live-Genuss sämtliche erhältlichen CD’s der auftretenden Künstler besorgt (was es nicht bei „Jazz is Beck“ gibt, findet man im Internet). Wenn die Musiker freundlicherweise noch ihre neuesten oder sonst nicht erhältlichen Tonträger beim Konzert verkaufen, ist das natürlich die Möglichkeit für den Besucher, während des Erwerbs einiger Exemplare den persönlichen Kontakt zu den Künstlern durch ein paar anerkennende Worte oder Autogrammwünsche herzustellen. Natürlich freut es einen Musiker, wenn er von einem Kenner auf einige seiner zahlreichen CD’s angesprochen wird, die auch einen besonderen Platz in der Sammlung des Jazzliebhabers einnehmen. Etwas getrübt wird diese Freude allerdings, wenn der begeisterte Hörer, der sich selbst als Fachmann in Sachen Jazz bezeichnet, eine gewisse Inkompetenz ausdrückt, indem er sich im selben Atemzug der „Frage der Fragen“ an einen Jazzmusiker bedient: „Und was machen Sie eigentlich beruflich?“

 

Vorsichtshalber noch dazu einige klärende Worte. Der gemeine Jazzmusiker ist freiberuflich und lebt von Gagen und dem Verkauf von Tonträgern. Genau gesagt produziert er ständig CD’s, um Engagements für seine aktuellen Projekte zu bekommen und tritt dann wiederum günstig auf, um eventuell einige CD’s beim Konzert verkaufen zu können. Der Künstler jongliert also auf hohem unternehmerischen Niveau und hat trotzdem relativ weniger Schulden als die meisten Firmen oder Staat, Länder und Gemeinden. Derartige Finanzgenies sind natürlich von der Wirtschaft verzweifelt gesucht, daher werden mittlerweile die bedeutendsten Managerposten ausgerechnet den Jazzern geradezu aufgedrängt. Ein Opfer der Musik zur Rettung der Weltwirtschaft! Verständlich, daß Sie in Zukunft keines der noch angebotenen Jazzkonzert mehr versäumen möchten.