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Wie gestalte ich ein Info, das die Welt bewegt?

 

Jeder Jazzmusiker kennt das Problem: der Veranstalter, die Presse, die Produktionsfirma, der CD-Booklet-Macher – alle brauchen für ihre jeweiligen Zwecke verwertbare Informationen über den Künstler. Auch beim Werben um einen Job in Clubs, auf Festivals oder bei allfälligen Hochzeits- und Geburtstagsfestlichkeiten wirkt ein gelungener Text zur eigenen Person oft Wunder.

Also setzt sich der Künstler hin und saugt sich aus. Nicht immer kommt dabei Brauchbares zum Vorschein. Mangelhaft verfasste Infos wirken dann in der Regel kontraproduktiv. Deshalb heute, hier und jetzt einige wertvolle Tipps.

Als Lernbeispiel nehmen wir eine der seltenen wirklich gelungenen Selbstdarstellungsbemühungen eines Münchner Künstlers, die uns glücklicherweise untergekommen ist. Um die Anonymität dieses Künstlers zu wahren, aber auch um für Sie, liebe Lernwillige, die moralische Schwelle tiefer zu legen, sprich: Ihnen das Abschreiben und Weiterverwenden brillanter Textpassagen zu erleichtern, haben wir alles unkenntlich gemacht, was auf die Identität des Beispielgebenden hinweisen könnte.

 

Der Text:

„Die Presse feiert ***** als „göttlichen Bläser“, der mit seinem Spiel Assoziationen an viele der größten Jazz- ***** weckt. Seine Zusammenarbeit mit internationalen Größen wie ***** (folgt eine ganze Latte erlauchter Namen) u.v.a. unterstreicht seine einzigartige Solokarriere. Der Komponist ***** schreibt, wie in seiner sensationellen Musik zum Film *****, mitreißende Rhythmen und feinsinnige Melodien.

Als Mulitalent – Vorsicht! Hier hat sich ein Schreibfehler eingeschlichen, der fatale Interpretationen zulässt: natürlich nicht Muli-, sondern? – Richtig! – Multitalent leitet er die zum Kultereignis avancierte Reihe „Jazz im ***** . Mit Sprache und Charme begeistert

der begnadete Entertainer sein Publikum. ( ... ) ***** reißt als begnadeter Musiker, Entertainer, Komponist und Performer sein Publikum mit.“

Was lernen wir daraus?

–– Setzen Sie an den Anfang und ans Ende Ihres Textes unbedingt ein An- bzw. Abführungszeichen. Der Leser ahnt dann sofort, dass er nicht Ihr selbst verfertigtes Produkt vor sich hat, sondern die zitierte Einschätzung einer höheren Instanz.

–– Adjektive wie göttlich, sensationell, mitreißend, einzigartig machen sich immer gut. Insbesondere das Adjektiv begnadet darf ruhig mehrfach eingesetzt werden.

–– Wenn es sich nicht gerade um so fehl zu interpretierende Kürzel handelt wie Muli und Multi, kann eine Falschschreibung durchaus eine positive Wirkung haben. Schreiben Sie ruhig z.B. „einer der weltweit intertretandesten Musiker“. Das Mitgefühl des potentiellen Veranstalters wird Ihre Gage nach oben treiben – vorausgesetzt natürlich, er bemerkt die feine Inkorrektheit.

Was lernen wir sonst noch:

–– Beliebte Eigenschaftsworte sind außer den oben genannten: führend, virtuos, eigenwillig, erstklassig, hochkarätig, herausragend, außergewöhnlich, wegweisend, traumwandlerisch-sicher.

–– Ebenso empfehlenswert sind die Präfixe „Ausnahme-“ bzw. „Spitzen-“, zu komplettieren lediglich durch den Allgemeinbegriff „Musiker“ oder eine Spezifikation wie z.B. „Ausnahmesaxofonist“, „Spitzentrompeter“ etc. (Abgeraten wird allerdings von der Bezeichnung „Spitzenklöppler“ für Schlagzeuger wegen einer gewissen Affinität zu einer flandrischen Häkelkunst).

–– Fehlen darf keineswegs der Hinweis auf das internationale Renommee: „einer der weltweit versiertesten“ (folgt der jeweilige Instrumentalist) kommt immer gut.

–– Ein wesentlicher Punkt bei der Selbstdarstellung sind die internationalen Größen, mit denen der Selbstdarsteller schon gemeinsam auf der Bühne stand. Da wir auch hier von jeglicher Falschaussage abraten, empfehlen wir folgende Strategie: Fast jedes Jazzfestival hat eine allnächtlich nach den Konzerten stattfindende Jamsession im Angebot. Dort treffen sich in der Regel jene Musiker, die einen letzten Profilierungsversuch einem Hotel-TV-Programm vorziehen. Ergreifen Sie die Gelegenheit. Packen Sie im Hintergrund des jeweiligen Spielplatzes ihr Instrument aus. Begeben Sie sich unbemerkt ins musikalische Getümmel und geben zu irgendwelcher Gelegenheit ein bis drei Töne ab. Schon können Sie mit Fug und Recht die Information in Ihren Text aufnehmen: „Spielte schon mit dings und dings und dings“.

(Der Leser soll sich dabei ertappen, dass er unwillkürlich die berühmte Filmmelodie von

Burt Bacherach vor sich hin summt „Namedrops keep falling on my head“).

–– Verwenden Sie auf jeden Fall Zitate aus weltläufig klingenden Organen wie „Aftonbladet“ (Stockholm), „Hürriyet“ (Istanbul), „La Prensa“ (Guatemala) oder „New York Times“ (?), die sich jeder Nachprüfung entziehen. Dabei genügt es, wenn die zitierten Wunderbarkeiten, denen zufolge Sie „exzellentester“, „innovativster“, „weltbester“ etc. Vertreter Ihres Instruments sind, Ihrer subjektiven Selbsteinschätzung, also der Wahrheit entsprechen.

– Aber auch einheimische Organe lassen sich durchaus Erfolg bringend einsetzen. Ein ebenfalls großartiger Künstler aus München zitiert z.B. in seinem Info seit geraumer Zeit und bisher unwidersprochen das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, laut dem er „einer der herausragendsten Vertreter des zeitgenössischen europäischen Jazz“ sei. Eine absolut sichere Bank. Wer macht sich schon die Mühe, vor einem vermeintlichen Hocherlebnis – geschweige denn nach einem etwas anders ausgefallenen Hörerlebnis – das „Spiegel“-Archiv zu durchwühlen, um jenes Zitat zu verifizieren. Hauptsache, er war da und hat Eintritt bezahlt.

 

So. Das war’s für diesmal. Wir sind guten Mutes, dass Sie bei konsequenter Anwendung unserer Tipps einen gewaltigen Karriereknick erleben werden. Hoffentlich nach oben! jimmy