J.I.M.
Jazzfest 2019
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Alex Haas

Bassist, lebt in München, seit 10 Jahren

ein Teil des Duos „UNSERE LIEBLINGE”. Seit ca. 15 Jahren erfolgreich in seinem Bestreben, schöne Musik zu spielen.


Musik ist schön…

...und im Zweifel sogar eine von vielen Türen in „andere Welten“ –

oder ins Museum.


über: Wolfgang Roths „Geheimrevue“ beim Jazzfest 2002

Ursprünglich wohl als wichtiger Teil von kultischen Handlungen (und damit verantwortlich für das Überwinden des Diesseits) gewachsen, hat sich Musik seit der Mitte des 19. Jahrhunderts immer mehr zur Kunstform um ihrer selbst willen entwickelt. Was im allgemeinen im Museum endet.

 

Jazz hat sich in den ca. 100 Jahren seiner Existenz schnell und weit entwickelt. Heutzutage gibt es eine Unmenge interessanter und hochklassiger Projekte, die manchmal den ihnen zustehenden Beifall und Ruhm ernten und manchmal – warum auch immer – nicht. Das Publikum freut sich oft und gerne an den Dingen, die es schon kennt und die ihm die Sicherheit geben, sie einordnen zu können. Womit wir wieder beim Museum wären.

Die Jazzmusik hat heute durchaus auch die Tendenz, Formen, die ab 1920 geschaffen wurden zu idealisieren und die Augen vor der ausserjazzmusikalischen Entwicklung zu verschliessen. Auf diese Weise zementieren sich Liedformen, Solostrukturen und auch die äussere Form des Konzertes, die seit Jahrzehnten gleich zu sein hat – sonst ist es ja nicht richtig.

Museum eben.

 

Glücklicherweise gibt es Musiker, die diese Entwicklung bewusst ignorieren und die Musik schaffen und spielen, die diesen selbstgebauten Rahmen umgehen, ohne die – an sich wunderbare – Formenwelt des Jazz zu sprengen und zu zerstören. Wolfgang Roth vertraut bei allen Bezügen auf die anglo-amerikanische Musik doch auf die europäischen Wurzeln und Blüten. In seiner „Geheimrevue“ wird die Form des Konzeptalbums auf die Bühne gebracht: Musik, Bilder und Piktogramme führen den Zuhörer und Zuseher tatsächlich für eine Weile weg aus seinen vertrauten Schemen in eine andere und viel vertrauenerweckendere Welt. Einfache und unemotionale Bilder erzählen mit der farb- und formenreichen Musik eine Geschichte, die in ihrer Dichte und Knappheit den Abend noch lange leben lässt.

 

Vielleicht sollte man ein paar Worte über die Musik verlieren: Es werden in den zwei Teilen des Konzertes entspannt alle möglichen Grenzen überwunden, die der Zuhörer als Klischee im Kopf hat. Weder kaut die exzellent aufeinander eingespielte Band auf wilden Freiheitsphantasien herum, noch wird die strenge Form über Gebühr zelebriert. Vielleicht kann man sich das so vorstellen: Vom eher herkömmlichen Big-Band-Sound kommend wird überraschend die Instrumentierung gewechselt und es führen die Klarinette, das Fagott und die Querflöte vom lateinamerikanischen Groove ins alpenländische Klangbild hinein. Es übernimmt der klassische Gestus Strawinsky’scher Prägung mit Bratsche, Trompeten und Posaune. Nach einem kurzen Zwischenspiel, das an Tom Waits erinnern mag (Schublade, Schublade...), hört man Passagen, bei denen der Jazzhörer erfreut ausruft: „Das kenn’ ich doch sonst nur von Bill Frisell und Dave Douglas...“

Tja, gibt’s aber auch hier. Und wie. Obwohl es komplex klingt, ist das Musik, die wirklich Hör- und Formbarrieren überwindet, ohne den anstrengenden Lehrerzeigefinger zu heben, der diese Art Kunst fast immer auszeichnet. Humor, Groove, gutes Timing und Präzision in dieser Band lassen einen fast vermuten, das es Musiker in der Stadt gibt, die nicht nur instrumental, sondern endlich, endlich auch einmal konzeptionell internationalen Rang erreichen. Musik ist nämlich schön...

Sag’ ich doch.

 

Und auch noch ein Wort zur Geschichte: Und sie kriegen sich doch...