J.I.M.
Jazzfest 2018
JIMpaper
Ausgabe 2009
Ausgabe 2006
Ausgabe 2005
Ausgabe 2004
Ausgabe 2003
Ausgabe 2002
Kontakt
Impressum
Datenschutz
editorialWüstHaasHornsteinPfennigBiswurmSchmid


Alex Haas

Alex Haas

ist bereits in den späten 70-ern mit seinem Versuch gescheitert, die Musik zu retten. Seitdem spielt er Kontrabass. Musikalisch schiebt es ihn in diverse Richtungen. Vor allem der Nahe Osten lockt in all seinen Facetten. Ein weiteres Hauptsteckenpferd ist profanes Songwriting (Liedererfinden) - auch wenn es nur Pop ist. Aber was ist schon nicht Pop?

 


Die Erfindung einer neuen Jazzmusik

Zwischen Milka-Jazz und l'art pour l'art

 

Als Jazzhörer und auch als Jazzmusiker kennt man ein Phänomen recht gut, welches sich seit längerer Zeit schon dem Liebhaber der E-Musik, zumal der so genannten Neuen Musik gezeigt hat: Wenn diese Musik live gespielt wird, kommt eine relativ kleine (natürlich auch feine) eingeschworene Gemeinde zusammen, um Musik zu zelebrieren, wobei es vorwiegend darum geht, die Kunst als solche zu feiern.

 

Seit geraumer Zeit ist es allerdings auch in anderen Kreisen fein, sich mit dem Klischee "Jazz“ zu schmücken. In diversen Popvideos sieht man immer wieder vornehmlich schwarze Models, muskulös, gutaussehend und jung, die einen Kontrabass schwingen oder ein Saxophon halten oder weise Greise, die zu enervierenden Schlager-Melodien, sich begeistert und lebenserfahren zunickend, eine Art Referenz abliefern. Abgesehen von einer durchaus ras-sistischen Tendenz schadet das auch der Musik, von der in der Öffentlichkeit kaum noch der Klang, sondern hauptsächlich das Bild bekannt ist. Natürlich ist man dann irritiert, wenn man zum ersten Mal hört, was man sonst nur sieht.

 

Wenn sich dann auch noch Milka oder die Telekom oder wer auch sonst immer den Jazz zur Seite stellt, geht es sehr direkt um ganz andere Dinge. Da hat die Musik nicht mehr nur den Zweck, ihrem Hörer Wohlbehagen zu bereiten. Da will man verkaufen. Und wo es um so klar definierte Ziele geht, muss der künstlerische Wert des Dargebotenen halt auch mal eine Ne-benbedeutung haben.

 

Kaum anders verhält es sich mit BacardiHennessyMariacronJazzSearch und ähnlichen Ver-anstaltungen. Mögen die Veranstalter solcher 'events' die Jazzmusik auch durchaus kennen und schätzen, in erster Linie wollen sie mit ihrem Namen bzw. Produkt natürlich allgemein Akzeptables verbinden. Normative Ästhetik nennt man das, soweit ich weiß. Tönesucher haben dort eher nichts zu suchen. Gefundenhaber und Museumsverwalter sind dort bestens aufgehoben und werden dementsprechend gelobt. Manchmal frage ich mich ja schon, wie man dort auf solche Leute wie Cecil Taylor oder Sonny Sharrock reagieren würde ...

 

Aber ich schweife ab. Schon im Kunstunterricht hat uns der Lehrer erklärt, l'art pour l`art sei eine Totgeburt, weil solche Kunst – "ohne soziale Relevanz" sozusagen - keinen Bezug zur Gesellschaft habe, was schon kurz nach dem Rokoko (und einer kurzen Blüte) als Modell gescheitert sei. Demzufolge hätte der Nicht-Milka-Jazz seine gesellschaftliche Relevanz schon vor längerer Zeit, ungefähr so um das Jahr 1902, an der Garderobe abgegeben und sie dort vergessen. Fragt sich's also: wäre es nicht prima, wenn der Jazz den Weg zurück zur Garderobe fände und an große Zeiten anknüpfen könnte, als diese Musik von einem doch recht großen Anteil der Musikhörer gehört wurde – von der Platte und auf der Bühne?

 

Ich stelle mir das so vor: Irgendwann wird ein Haufen junger Burschen, die sich nicht nur mit ihrer Musik sondern auch mit deren Tradition beschäftigt und sie verstanden haben, diese mit allem Respekt durch den Wolf drehen und für ihre Leute eine populäre Jazzmusik erfinden, welche die ganze Kraft der Rock´n´roll-Revolution hat. Und die dann an heißen August-abenden in vollen Clubs vor glücklichen Menschen gespielt wird.

 

Oder so: Man muss es ja nicht geschehen lassen, dass sich die Jazzmusik in den Fußstapfen der Klassischen Musik in Elfenbeintürme begibt, wo man sich im Ruhm vergangener und längst verstorbener Größen und deren Erfindungen aalt. Es muss auch nicht sein, dass ein Abziehbild des Jazz dessen Platz in der Öffentlichkeit einnimmt. Nein. Ein Haufen junger Burschen, die die Tradition durch den Wolf drehen wollen, wird sich mit einem Haufen alter Männer

zusammensetzen, die die Tradition schon ein halbes Dutzend Mal zerfetzt und wieder neu erfunden haben. Man unterhält sich nicht nur darüber, wie herrlich doch die alten Zeiten waren, sondern schiebt den Stein des Sisyphos endlich über die vermaledeite Kante, um dann gemeinsam festzustellen, dass man mit dieser großartigen Kunst ja auch richtig schöne Musik machen kann, Musik, die nicht nur den Künstlern gefällt, aber auch keine populistische Sülze enthält, Musik für Menschen, die manchmal ausgehen, um einen netten Abend zu haben, die gerne Freunde treffen, weil sie welche haben, oder die vielleicht auch einfach nur zuhören wollen. In dem Moment wäre diese Kunst wieder da angekommen, wo sie eigentlich hingehört: in die Ohren von ganz vielen Menschen.

 

Wie sich das dann anhören soll? Keine Ahnung, ich bin doch kein junger Bursche mehr – und noch kein alter Mann ...

Und wenn das alles nicht funktionieren sollte, ist es immerhin ein tröstlicher Gedanke, dass in 50 bis 200 Jahren auch diese Musik (wie derzeit schon Mozart oder Orff) zumindest als Verkaufshilfe für ein Produkt der Marke Milka dienen könnte. Mahlzeit!